[Aktion] Dankeschön-Kurzgeschichte

Hallo ihr Lieben,

vor einer Weile habe ich mich an einem Kurzgeschichtenwettbewerb versucht, bei dem Urban Fantasy Kurzgeschichten gesucht waren, die Diversität und Queerness thematisieren sollten. Sofort steckte mir eine Kurzgeschichte in der Nase, die zum “Nachtschatten”-Universum gehört und die beginnende Freundschaft zwischen Ravin und Henri zeigen sollte, denn so ganz unproblematisch war das nicht – in “Nachtschatten” sind sie zwar zusammen, aber da gibt es einige Dinge, die ihr nicht wisst. Die Beiden tauchen in der Reihe nur am Rande auf, aber ich gebe zu, es hat mich immer gereizt, mehr von ihnen zu offenbaren. Da ich letztendlich nicht zu den Glücklichen gehörte, die einen Platz in der Anthologie erhielten, stand schnell fest, dass ich “Ein neuer Freund” auf meinem Blog präsentieren will – als Dankeschön an all die Leser*innen meiner “Nachtschatten”-Reihe.

Inzwischen hat sich die Nachtschatten Gesamtausgabe über 1.150 mal verkauft (für mich eine irreale Zahl) – ein weiterer Grund, sich mit einer zusätzlichen Kurzgeschichte bei allen zu bedanken, die Lily, Adrian und ihren Freunden eine Chance gegeben haben. Vielen, vielen Dank für eure Unterstützung, die tollen Rezensionen und das schöne Feedback, das mich auch heute noch erreicht. Für euch ist diese Geschichte …

Ein neuer Freund (ca. 4.000 Wörter)

Ich hoffe sehr, euch gefällt der erneute Abstecher ins “Nachtschatten”-Universum – wer weiß, vielleicht zieht es mich an der Seite von Henri und Ravin irgendwann zu meinen Schutzengeln zurück 🙂

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen.

Bis zum nächsten Mal,
Juliane

[KURZGESCHICHTE] Ein neuer Freund

Ein Schlag genügte, um den grauen Wolf niederzustrecken, dem sie seit Tagen auf der Spur waren. Ravin bedauerte, dass er seinen Gegner so schnell außer Gefecht gesetzt hatte. Er hätte ihm die Chance auf einen Gegenangriff geben oder den schmalen Kopf des Wolfes absichtlich verfehlen sollen – dann wäre es wenigstens zu einem kurzen Kampf gekommen, bei dem er sich hätte austoben können.

Stattdessen war die Jagd vorbei, kaum dass sie begonnen hatte und hinterließ ein Gefühl tiefer Unzufriedenheit. Was gäbe er dafür, in seiner Tigerform zu bleiben und laut brüllend durch das Unterholz zu jagen. Dass das seitens des Hohen Rates streng verboten war – geschenkt. Er verband sich sowieso viel zu selten mit seinem Schutzengel. Es glich einem Wunder, dass das Band zwischen Amita und ihm überhaupt noch bestand, so selten wie sie es erneuerten.

„Gut gemacht“, ertönte eine Stimme hinter ihm. Henri hatte sich genähert – wie immer vollkommen lautlos. Der Vampir huschte an ihm vorbei und beugte sich über den grauen Wolf. Ein leises Grollen kam ihm über die Lippen. Ravin wusste, dass Henri Werwölfe nicht mochte – einer der Gründe weswegen er sich bei dieser Jagd zurückgehalten hatte. Nicht dass es ihn stören würde … „Wir übergeben ihn dem Rat. Sie werden sich um ihn kümmern und dafür sorgen, dass er einem der hiesigen Rudel zugeordnet wird.“

Ravin legte den Kopf schief und näherte sich dem knieenden Mann. Er genoss den weichen Erdboden unter seinen Pfoten, vergrub seine scharfen Krallen in dem moosigen Untergrund. Am liebsten hätte er sich wie eine Katze gestreckt, doch das kam ihm unpassend vor.

„Wie lange willst du in dieser Form bleiben?“, fragte Henri und warf ihm einen nachdenklichen Blick zu. Da seine Augen blau fluorisierten und seine Eckzähne verlängert waren, war er noch immer mit seinem Schutzengel Claudine verbunden. Erst als das Glühen nachließ und sich die scharfgeschnittenen Züge des Vampirs glätteten, war sich Ravin sicher, dass Henri seine Verbindung mit Claudine beendet hatte.

Es kostete ihn Überwindung, sich von Amita zu trennen, doch schließlich ließ er sie gehen. Die Rückverwandlung in einen Menschen verlief schnell und schmerzlos, auch wenn er wusste, wie unelegant seine Verwandlung auf Außenstehende wirkte. Die Veränderungen des Knochenbaus, die Rückbildung des Fells und die Neubildung der Haut – wie bei jedem Werwesen war das kein schöner Anblick.

Nackt blieb er neben Henri hocken, nutzte den Moment, um sich an seinen menschlichen Körper zu gewöhnen. Mit einem Seufzen richtete er sich auf und streckte sich. Im Gegensatz zu dem Vampir, der die Zugeknöpftheit eines Adeligen aus den Zeiten der Französischen Revolution besaß, störte es Ravin nicht, ohne Kleidung zu sein – im Gegenteil. Er mochte einengende Kleidung nicht, ganz besonders die europäischen Hosen bereiteten ihm Probleme.

„Hier.“

Woher auch immer Henri den Dhoti zog, Ravin nahm das traditionell indischen Kleidungsstück mit einem Lächeln entgegen und schlang es sich geschickt um sie Beine.

Er hat es sich gemerkt, machte Amita auf sich aufmerksam. Sie schwebte neben ihm und betrachtete den Vampir neugierig. In ihren leuchtenden, großen Augen schimmerte eine Mischung aus Glück und Zufriedenheit. Sie strich sich das lange, dunkle Haar zurück. Gut zu wissen, dass er lernt, Rücksicht zu nehmen.

‚Schon möglich‘, entgegnete Ravin im Stillen. ‚Er gibt sich zumindest Mühe …‘

Du bist ein Pessimist. Wenn ich da an die anderen deutschen Jägerteams denke … Sie näherte sich Henri, der inzwischen sein Handy gezückt hatte und den Rat über den erfolgreichen Abschluss der Mission informierte. Binnen der nächsten halben Stunde wären einige loyale Wesen hier und würden den grauen Wolf mitnehmen. Henri meint es ehrlich und das weißt du. Du weißt, wie Verrat stinkt. Und er verströmt nichts davon.

‚Trotzdem …‘ Er brach ab und senkte den Blick. Es fiel ihm schwer, zu vertrauen. Dabei war nicht einmal die Tatsache, dass es sich bei Henri um einen Vampir handelte, ein Problem für ihn. Im Gegensatz zu den heimischen Werwölfen hatte er als Wertiger kein Problem mit Vampiren. Sie erinnerten ihn ein wenig an die blutsaugenden, monströsen Baital seiner Heimat, wenngleich die europäischen Vampire wesentlich schöner und charismatischer waren.

„Sie schicken jemanden. Bis sie kommen, müssen wir den Wolf im Auge behalten.“ Henri steckte sein Handy weg und sah sich kurz um, dann ließ er sich auf den moosigen Boden sinken und streckte die Beine aus. Mit einer fließenden Bewegung löste er das Haarband und schüttelte die braunen Locken aus. Das Licht der untergehenden Sonne zauberte rote Farbreflexe in die langen Strähnen. „Jetzt setz dich schon, Ravin. Mit etwas Pech werden wir bis in die Nacht hinein auf den Klärungstrupp warten müssen.“

Ravin kam der Aufforderung zögernd nach. Es war seltsam, mit dem Vampir allein zu sein. Normalerweise gingen sie zu viert auf Jagd, denn Henri verzichtete selten auf Leandras Stärke oder Georges Gewandtheit. Doch dieses Mal hatte er explizit nur ihn angefordert. Er konnte nicht einfach verschwinden, wie er es immer tat, sobald ein Auftrag erledigt war. Das war eine der Regeln, die Henri ihm zuerst genannt hatte – es blieben immer zwei zur Bewachung eines Wesens, bis der Klärungstrupp vor Ort war.

„Sich mit dir zu unterhalten, ist so spannend, wie mit einem Baum zu reden“, gab Henri frustriert von sich. Ravin spürte die bohrenden Seitenblicke, doch er wusste nicht, was er sagen sollte. „Du bis seit fast sechs Monaten Teil meines Teams und wir haben gefühlt nicht mehr als eine Hand voll Worte gewechselt. Ich weiß, dass du bei anderen Jägerteams viel durchgemacht hast, daher habe ich dir Zeit gegeben, dich einzugewöhnen, aber allmählich musst du auf uns zugehen. Wir müssen einander vertrauen, gerade wenn wir zusammen kämpfen wollen und so leid es mir tut – weder Leandra noch Georg sehen in dir eine Unterstützung. Das liegt auch daran, dass du zumeist allein agierst, was ich nicht immer gutheiße.“

‚Ich bin halt ein Einzelgänger …‘, schoss es Ravin durch den Kopf.

„Du bist zwar stark und besser als ein Werwolf, aber nicht wirklich teamfähig“, beendete Henri seine Ansprache. Er richtete seinen Blick auf die umstehenden Bäume, suchte die tiefer werdenden Schatten ihrer Umgebung nach möglichen Angreifern ab. Doch es blieb alles ruhig. Ravin wusste, dass niemand in er Nähe war – nicht einmal ein Tier wagte sich in die Nähe dieser kleinen Lichtung.

„Ich weiß …“, murmelte Ravin. Wie immer hatte er Probleme mit den deutschen Silben – sie fühlten sich rau und sperrig an, ein Grund weswegen er so selten den Mund aufmachte. Sein indischer Akzent war ihm unangenehm – als wären seine dunkle Hautfarbe und das lange, schwarze Haar nicht genug, um ihn von der Masse abzuheben. Er stach jedem ins Auge, dabei hasste er es im Mittelpunkt zu stehen. „Ich weiß auch, dass du meine Akte gelesen hast.“

„So viel konnte ich den Notizen nicht entnehmen, die es über dich gibt“, erwiderte Henri. Er pflückte eine kleine Blume und betrachtete eingehend die weiße Blüte. „Du warst in drei Jägerteams, bevor du zu uns kamst. Ich weiß nicht genau, warum sie dich ablehnten, aber die Anführer dürften dasselbe Problem gehabt haben, wie ich … Du lässt niemanden an dich heran und blockst jeden ab, der dir zu nahe kommt. So kann man auf Dauer nicht mit dir zusammen arbeiten.“

„Tiger sind Einzelgänger.“

„Das ist eine Ausrede!“

Ravin stieß ein Grollen aus. Er hasste es, so bedrängt zu werden. Warum sollte er sein Innerstes offenlegen und all diesen Wesen vertrauen, die ihm so fremd waren? Er wollte nicht hier sein! Und er wollte nicht mit den europäischen Nachtschatten zusammen arbeiten! In seiner Heimat gab es keine Jägerteams. Da war jedes Wesen auf sich allein gestellt, wenn es für einen Hohen Rat arbeitete. Nur in Europa gab es diese seltsamen Zusammenschlüsse von Vampiren, Werwesen, Menschen und Sidhe.

Es wird Zeit, dass du es endlich akzeptierst, Ravin, mischte sich Amita ein. Ihre Stimme klang strenger und barscher als sonst. Du kannst nicht zurück nach Indien, solange Rakeshs Bann noch aktiv ist – und ich bezweifle, dass er ihn jemals von dir nehmen wird. Also hör auf so stur zu sein und akzeptiere dieses Land als dein neues Zuhause. Du machst es dir nur schwer, wenn du diejenigen von dir stößt, die dir wirklich helfen wollen.

‚Hätte ich doch nur dieser Verbindung mit Nishay zugestimmt. Irgendwie wäre es mir gelungen …‘

… dieser Frau Kinder zu schenken? In einem heiligen Ritual eine weitere Generation Wertiger hervorzubringen? Du weißt so gut wie ich, dass nichts in dir diese Leidenschaft entfachen kann – weder Mann noch Frau. Amita schlang von hinten die Arme um ihn. Er spürte ihre sanfte, beruhigende Wärme, auch wenn sie so unstofflich wie ein Geist war. Ihre Gegenwart beruhigte sein wild schlagendes Herz. Du hast das Richtige getan, Ravin. Du hast ihr die Wahrheit gesagt, bevor ihr verheiratet wurdet. Es hätte euch beide zerstört, wenn du versucht hättest, deinen ehelichen Pflichten nachzukommen. Wobei es sie als Frau noch schlimmer getroffen hätte …

‚Mag sein, nur vergisst du, dass sie mich an Rakesh verraten hat! Wegen ihr wurde ich verbannt …‘ Ravin spürte heißen Zorn in sich aufwallen. Er legte sich wie ein bitterer Film auf seine Zunge. Warum war er so … kaputt? Warum verspürte er keinerlei Interesse an Sex? Hatten die Götter ihn verflucht, weil er in einem früheren Leben etwas Unaussprechliches getan hatte?

Du bist nicht kaputt, Ravin. Amita neigte sich über ihn, ein zorniges Funkeln in den großen Augen. Diese Gedanken will ich nie wieder mitbekommen.

„Ich stamme aus Frankreich“, riss Henri ihn plötzlich aus seinem inneren Monolog mit Amita. Irritiert sah er zu dem Vampir, dessen Blick ins Leere ging. Wahrscheinlich hatte auch er in den letzten Minuten mit seinem Schutzgeist gesprochen. „Im Juli 1789 fand mein Blutritual statt, das mich an Claudine band. Ich weiß nicht, ob du etwas über französische Geschichte weißt, aber es war ein wahrlich ungünstiger Zeitpunkt, um den Schritt vom Menschen zum Vampir zu machen. Während ich zum ersten Mal menschliches Blut trank und eins mit meinem Schutzengel wurde, tobten Schlachten in den Straßen von Paris. Damals hat sich Frankreich nach und nach verändert – die Macht des Adels schrumpfte, viele wurden hingerichtet.“ Mit einem Seufzen schüttelte Henri den Kopf. „So viele sind damals gestorben … meine Familie hat nur überlebt, weil wir rechtzeitig geflohen sind …“

„Warum erzählst du mir das alles?“, fragte Ravin. Er hatte den Vampir nie einschätzen können, jetzt fiel es ihm noch schwerer, hinter die Fassade des Mannes zu blicken. Henri tat nichts ohne Grund – warum also gab Henri ihm einen Einblick in seine Vergangenheit?

„Weil ich schwerlich von dir Offenheit verlangen kann, wenn du nichts über mich weißt. Ich bin im Vorteil, weil ich deine Akte gelesen habe, daher sorge ich für Ausgleich.“ Henris Blick wanderte zu den Wipfeln der Bäume. Der Himmel war zunehmend dunkler geworden, die ersten Sterne blitzten zwischen den Ästen auf. „Ich bin über 250 Jahre alt und lebe seit knapp 220 Jahren als Vampir. Mein Herz gehört Paris, aber ich habe Mainz schätzen und lieben gelernt … auch wenn die Bewohner manchmal etwas bäuerlich sind.“

„Warum lebst du dann hier?“

„Ich habe Paris wegen der Revolution hinter mir gelassen … ich habe zu viele Freunde sterben sehen. Und Frankreich … nun da spielen persönliche Gründe eine Rolle. Wenn du möchtest, erzähle ich dir, warum ich mich entschieden habe, mich in Deutschland niederzulassen.“ Henri schenkte ihm ein Lächeln, das Ravins Zweifel zum Verstummen brachte. „Ich habe ein Lebensmotto seitdem ich hier bin, das mir sehr geholfen hat: Wenn man die ganze Zeit zurückblickt, verpasst man die Dinge, die vor einem liegen. Und meistens lohnt es sich, sie kennenzulernen.“

„Kann schon sein.“ Ravin lehnte sich zurück und genoss den lauen Sommerabend. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit fiel die unterschwellige Anspannung von ihm ab. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten fühlte er sich in Gegenwart eines anderen Wesens wohl.

Er lauschte dem Wind, der in den Wipfeln der Bäume rauschte und den Grillen, die ein abendliches Konzert anstimmten. Und obwohl die deutschen Wälder so anders als die feuchtwarmen Dschungel waren, genoss Ravin den leichten, würzigen Geruch der Bäume, den Duft wilder Blumen und die Ruhe, die in diesen Wäldern herrschte. Kein fernes Geschrei von Affenkolonien, kein beständiges Summen von Insekten und kein Knacken und Krachen im Unterholz. Der indische Dschungel war im Vergleich zu den deutschen Wäldern laut und intensiv, sinnesbetörend und erschlagend. Nicht, dass er ihn hasste, aber Ravin fand auch Gefallen an den stilleren, düsteren Wäldern, die eine gänzlich andere Atmosphäre ausatmeten.

Vielleicht hatte Henri recht. Vielleicht sollte er alles hinter sich lassen, sich auf die schönen Dinge konzentrieren und von vorne beginnen. Die Frage war nur, ob er das konnte. War er wirklich bereit, mit allem abzuschließen, was ihn knapp 80 Jahre lang begleitet hatte? Den Göttern den Rücken zu kehren kam ihm wie ein Verrat vor – an allem, was ihn ausmachte. Was wussten die hiesigen Menschen und Wesen schon von den Göttern, die ihm heilig waren? Von den Entbehrungen, die er auf sich genommen hatte, um ihren Segen zu erhalten und sich als Wertiger zu beweisen. Nur um an der wichtigsten und schwersten Prüfung zu scheitern …

„Hör auf einen alten Mann.“ Henri stieß ein leises Lachen aus und ließ die Schultern kreisen. „Ich habe genug erlebt, um voll und ganz hinter diesem Lebensmotto zu stehen – blicke in die Zukunft, ohne deine Vergangenheit zu vergessen.“

„Deine Weisheit in allen Ehren, aber diese Möglichkeit habe ich nicht!“, entgegnete Ravin barscher als beabsichtigt. „Ich habe der Göttin Durga einen Schwur geleistet und …“ Er verstummte und vergrub das Gesicht in den Händen. All die Ruhe, die er noch vor einem Moment verspürt hatte, war dahin. Warum konnte er nicht den Mund halten?

Weil es dich kaputt macht, Ravin. Wieder Amitas feine Stimme, die nur er hören konnte. Schon immer war sie sein Gewissen gewesen. Du musst darüber reden und es aussprechen. Viel zu lange schleppst du diese Sache mit dir herum.

„… und du hast diesen Schwur gebrochen …“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.

„Woher …?“

„Wenn man so lange lebt wie ich, lernt man Menschen und Wesen kennen und weiß, was in ihnen vor sich geht.“

Sag es ihm … du kannst ihm vertrauen.

Nur kurz zögerte Ravin, dann entschied er sich, Amita zu vertrauen und auszusprechen, was ihn so lange belastet hatte: „In Indien gibt es nicht so viele Wertiger, wie du vielleicht glaubst. Da wir Einzelgänger sind und keine Gemeinschaften oder Rudel bilden, ist eine dauerhafte Verbindung oder gar Heirat zwischen Wertigern sehr selten. Du kannst dir denken, dass es kaum Nachkommen gibt, zumal nicht alle Jungen und Mädchen das heilige Ritual vollziehen, um ihr Leben der Göttin Durga zu widmen.“

Du musst mehr ins Detail gehen, sagte Amita. Er kennt die Geschichte unseres Landes nicht.

„Du musst wissen, dass die Wertiger schon immer der Göttin Durga verpflichtet waren – als Reittiere und Beschützer. Sie beten wir an, ihr widmen wir unser ganzes Leben. Wenn sich ein Junge oder ein Mädchen für den Weg des Tigers entscheidet und erstmals die Bindung zu seinem Schutzgeist aufbaut, sich in einen Tiger verwandelt, dann verpflichten sie sich, Durga zu dienen. Die jährlichen Feste und Rituale, die unzähligen Regeln – unser ganzes Sein ist danach ausgerichtet.“ Ravin stieß ein Seufzen aus. Er erinnerte sich an die strahlenden Feste, die vielen Rituale, die er durchlaufen musste, seit er sich mit Amita verbunden hatte. Nur das letzte, heiligste Ritual hatte er nicht vollziehen können – die Bindung an eine Frau, um der Göttin neue Kinder zu schenken … „Es ist ein harter Weg voller Entbehrungen …“, fuhr er stockend fort und rieb sich fröstelnd die Arme. „Viele Jugendliche entscheiden sich daher gegen den Weg des Tigers und bleiben gewöhnliche Menschen.“

„Das habe ich nicht gewusst.“ Henri schob sich etwas näher, strich mit der Hand über seine Schulter. Obwohl er ein Vampir war, strahlte die blasse Haut Wärme aus und beruhigte seine aufgewühlten Gedanken. Allein diese Berührung genügte Ravin, um mit seiner Erzählung fortzufahren.

„Zu den wichtigsten und heiligsten Pflichten eines Wertigers gehört die Ehe mit einer geeigneten Frau, um Nachkommen zu zeugen und so die Blutlinie der Wertiger fortsetzen. Liebe spielt dabei keine Rolle – es sind zumeist arrangierte Ehen. Dieses Vorgehen wird auch vom Hohen Rat Indiens unterstützt, da man alles daran setzt, den Fortbestand der Wertiger zu sichern … Sie sind stark und mächtig, einige sehr alte Wertiger gelten sogar als heilig.“ Er schluckte gegen den Kloß an, der sich in seinem Hals festsetzte und ballte die Fäuste. „Auch ich sollte mich an eine Frau binden, die heiligen Rituale durchführen und …“ Er brach ab, unfähig auszusprechen, was ihm auf der Zunge lag. Die Worte hatten zu viel von dem aufgewühlt, das er bisher tief in sich verborgen hatte. Es schmerzte wie eine frisch aufgeplatzte Wunde, nahm ihm den Atem.

„Aber du konntest nicht …“, murmelte Henri, als die Stille überhandnahm. „Falls es dich beruhigt, ich könnte auch nicht auf Kommando mit einer Frau schlafen. Im Grunde kann ich mit einem weiblichen Körper gar nichts anfangen. Mein Interesse gilt ausschließlich Männern.“

Ravin stieß ein Lachen aus, das ihm in den Ohren wehtat. Es klang verbittert und hilflos, kam tief aus seinem Inneren und legte einen Teil seiner Seele bloß. Er schloss die Augen, um Henris Blicken auszuweichen und sammelte sich. Es gab kein Zurück mehr … er musste die Worte aussprechen, die ihm so schwer auf der Seele lasteten: „Ich kann mit keinem Körper etwas anfangen … weder mit einem männlichen noch mit einem weiblichen. Sie sind gleichermaßen uninteressant für mich. Allein der Gedanke …“

Ungewollt schauderte er, gleichzeitig spürte er, wie befreiend es war, dieses intime Detail seiner Selbst zu offenbaren. Wie gut es tat, dieses Geheimnis laut auszusprechen und sich von der Last zu befreien, die ihn so lange begleitet hatte. Es war ihm egal, wie Henri darauf reagieren würde, ob er ihn für seltsam oder kaputt hielt … diese Last nicht mehr zu spüren, ließ ihn freier atmen.

Ich bin stolz auf dich, flüsterte ihm Amita ins Ohr. Es war höchste Zeit …

„Das kam jetzt unerwartet …“, sagte Henri. In seiner Stimme schwang weder Abscheu noch Zorn mit, sondern Verständnis und Neugier. Er klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter. „Wenn ich ehrlich bin, erklärt das vieles. Das ist jetzt nicht wertend gemeint … ich bin der Letzte, der damit ein Problem hat. Wenn es Menschen und Wesen gibt, die geradezu süchtig nach Sex sind, warum sollte es dann nicht auch solche geben, die keinerlei Interesse danach verspüren.“ Er hob die Achseln und wickelte eine Haarsträhne um seinen Finger. „Es gibt so viele Spielarten der Liebe. Niemand hat das Recht einen anderen für das zu verurteilen, was er ist und wie es um seine oder ihre Gefühle bestellt ist.“

„Aber deswegen wurde ich verbannt.“ Ravin hatte nicht mit so viel Verständnis gerechnet. Henri reagierte anders als all die Mitglieder seiner Familie – offen und verständnisvoll. Warum war ihm plötzlich ein europäischer Vampir näher als jeder indische Wertiger?

„Dann haben wir etwas gemeinsam … Meine Familie hat mich aus unserem Landsitz verjagt, als sie mich mit einem jungen Mann erwischten – in flagranti.“

„Tatsächlich?“, hakte Ravin nach. Allmählich erwachte sein Interesse an Henri. Sie schienen mehr Gemeinsamkeiten zu haben, als er gedacht hatte.

„Ich will lieber nicht zu sehr ins Detail gehen, aber wir boten einen Anblick, den man nicht missverstehen konnte.“ Er grinste und für einen Moment blitzten seine blauen Augen in der aufziehenden Dunkelheit auf, obwohl sich Ravin sicher war, dass Henri sich nicht mit Claudine verbunden hatte.

„Kehrst du deswegen nicht nach Frankreich zurück?“

„Unter anderem. Für diese Entscheidung gab es viele Gründe … wenn wir nicht gerade im Wald sitzen und auf einen Werwolf aufpassen müssten, würde ich dir gerne mehr erzählen …“

Apropos Werwolf, mischte sich Amita ein. Du solltest wissen, dass er …

‚Nicht jetzt, Amita‘, fuhr Ravin gedanklich dazwischen. Als hätte er nicht mitbekommen, dass ihr Gefangener schon längst nicht mehr bewusstlos war. Aber das kümmerte ihn nicht. Er konzentrierte sich auf Henri, der ihn mit viel zu vielen Worten zu einem Glas Rotwein einlud. Zum ersten Mal wirkte der eloquente, selbstbewusste Vampir verunsichert. Vielleicht war ihm bewusst geworden, wie viel er selbst offenbart hatte und wie sehr es sie fortan aneinander band …

„Eine Einladung also …“

Ravin zögerte. Ging das alles nicht zu schnell? Wenn man bedachte, dass sie zum ersten Mal ernstlich miteinander sprachen, hatten sie sich nicht zu weit aus der Deckung gewagt? Zu viele intime Details preisgegeben, ohne einander wirklich zu kennen?

Henri schien zu spüren, dass er zu weit gegangen war. „Keine Sorge, Ravin. Ich habe keinerlei Hintergedanken. Ich will dir keinesfalls zu nahe treten. Ich dachte nur, wir können uns besser kennenlernen … und Freunde werden.“

Bitte zieh dich nicht zurück, Ravin. Selten hatte Amita so flehend geklungen. Sie kniete sich an seine Seite, die Hände im Schoß verschränkt. In ihrem Gesicht stand ein Ausdruck, den Ravin nie zuvor gesehen hatte. Du hast einen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Bitte verschanze dich nicht wieder hinter deiner selbsterrichteten Mauer aus Schweigen und Einsamkeit. Ihr seid auf einem guten Weg, das spüre ich. Ihr könntet Freunde werden … und du weißt, dass du dringend jemanden brauchst, mit dem du reden kannst.

‚Woher willst du das wissen?‘

Weil ich dich kenne … viel besser als du dich selbst kennst. Ich bin deine innere Stimme, dein Instinkt und dein Gewissen. Und ich weiß, dass du jemanden brauchst.

‚Ich brauche keinen Partner …‘

Amita schüttelte den Kopf. Vielleicht nicht auf körperlicher Ebene, aber auf geistiger und seelischer. Es ist nicht so, dass du vollkommen gefühllos bist … auch du brauchst Nähe, Aufmerksamkeit und vielleicht sogar Liebe …

„Entschuldige … ich bin zu weit gegangen“, sagte Henri plötzlich und rückte von ihm ab. Die Wärme, die der Vampir verströmt hatte, verschwand. Die Kühle der Nacht bescherte Ravin eine Gänsehaut.

„Das bist du nicht“, erwiderte Ravin, bevor er sich erneut in seinem Gedankenkarussell verfing. Vielleicht war es an der Zeit, spontaner zu werden, auf Amita zu vertrauen und einen winzigen Schritt auf Henri zugehen. Er hatte lang genug wie ein Einsiedler gelebt und sich selbst Vorwürfe gemacht … „Ich würde mich freuen, dich besser kennenzulernen, Henri.“

„Sehr schön … wie wäre es …“

Vorsicht, Ravin!

Mit einem warnenden Knurren sprang plötzlich der Werwolf auf die Pfoten. Er schnappte nach Henris Hand, ohne den Vampir zu erwischen, fuhr herum und verschwand wie ein grauer Blitz zwischen den Bäumen.

„Verdammt …“, fluchte Henri. Dem Vampir schien es tatsächlich entgangen zu sein, dass der Werwolf schon seit einer Weile wach war. Im nächsten Moment änderte sich die Aura, die ihn umgab, wurde greifbarer und beeindruckender. Henri war unbestreitbar imposant und mächtig, wenn er mit seinem Schutzengel verbunden war.

„Ich kümmere mich darum.“ Ravin löste den Knoten des Dhoti und nickte Amita zu. Sofort glitt sie in ihn, füllte ihn mit ihrer Präsenz aus. Die Wandlung in einen Tiger verlief noch schneller als zuvor – Ravin spürte die Veränderung seines Körpers kaum, da war nur leise Vorfreude auf die Jagd durch den Wald und das immense Glücksgefühl wieder in seiner Tigerform zu sein.

Du hast meine Warnungen absichtlich ignoriert, erklang Amitas teils anklagende, teils amüsierte Stimme in seinem Kopf. Du wusstest, dass er die ganze Zeit wach war.

‚Kann sein …‘ Ravin stieß ein gemäßigtes Brüllen aus und streckte sich, um seine Sehnen und Muskeln zu fühlen. Er hatte gehofft, dass der Werwolf einen Fluchtversuch unternahm, um noch einmal diese Form anzunehmen. ‚Dieses Mal lasse ich mir mehr Zeit …‘

Davon bin ich ausgegangen …

Henri trat an seine Seite und strich ihm behutsam über den Kopf. Unwillkürlich rieb Ravin seinen Schädel an der schlanken, warmen Hand, genoss die Nähe des Vampirs. „Du wusstest, dass er nicht mehr bewusstlos ist, nicht wahr? Ich ahne, warum du mich nicht gewarnt hast …“ Da war kein Vorwurf in der Stimme, nur Wärme und Vertrauen. „Zu deinem Glück hat er mich nicht erwischt, ansonsten wäre meine Einladung zum Rotwein hinfällig. Im Gegenzug halte ich mich zurück und überlasse dir die Jagd. Wehe er entkommt dir!“

‚Das wird er nicht …‘, dachte Ravin und stieß ein leises Grollen aus. Er strich an Henris Bein entlang als Zeichen, dass er verstanden hatte.

Schnappen wir ihn uns, Ravin! Immerhin hat er einen Freund angegriffen, hallten Amitas Worte direkt in seinem Inneren wider.

Ravin widersprach nicht. Stattdessen spannte er die Muskeln an, bereit den Werwolf zu verfolgen und seinem neuen Freund zu beweisen, dass er sich auf ihn verlassen konnte. Jetzt und in Zukunft …

~ Ende ~

[AKTION] Herz aus Kristall im KU Programm verfügbar


AMAZON

Hallo ihr Lieben,
wie angekündigt, ist mein Urban Fantasy “Herz aus Kristall” ab sofort im KU-Programm verfügbar (wie lange wird sich zeigen – ich schau einfach mal, wie es läuft), sprich alle KU-Nutzer können sich das Buch bei Amazon ausleihen. Ich wünsche euch schon jetzt viel Spaß beim Reinlesen und hoffe, ihr habt Spaß Lynn, Daja und den kleinen Otter Su bei ihren Abenteuern zu begleiten
Viele liebe Grüße,

[PREISAKTION] Herz aus Kristall

Hallo ihr Lieben,

Heute ist World Otter Day / Welttag des Otters (#weltottertag / #worldotterday) – aus diesem Grund gibt es ab heute bis nächste Woche mein otteriges Urban Fantasy Jugendbuch “Herz aus Kristall” überall für 2,99€ statt 4,99€ – Wer das Buch auf der Wunschliste hat, kann es sich jetzt vergünstigt sichern und die kleine Otterdame Su in die Tiefen des Stechlins begleiten. Das eBook ist überall erhältlich, also sichert euch jetzt euer Exemplar 🙂

Amazon | Hugendubel | Weltbild | Thalia

Klappentext:
Es könnten die perfekten Sommerferien sein. Lynn, Marie und Lia haben sich vorgenommen, jeden Tag am Ufer des Stechlinsees faul in der Sonne zu liegen und nichts zu tun. Wenn nur Lynns Albträume nicht wären. Nacht für Nacht warnen geisterhafte Gestalten vor dem Grauen in der Tiefe des Sees und bitten das Mädchen um Hilfe. Als ein pferdeähnliches Monster am Ufer auftaucht, verschwinden Lynns Freundinnen spurlos. Ihre Albträume scheinen wahr zu werden … Als ob das nicht genug wäre, bringt auch noch die geheimnisvolle Daja Lynns Gefühlsleben durcheinander, während sie die Suche nach einem blauen Herz aus Kristall in Lebensgefahr, aber auch einem uralten Geheimnis näher bringt.

„Herz aus Kristall“ ist ein Urban Fantasy Jugendbuch voller Geheimnisse, düsteren Legenden und einem Hauch Romantik – für Leser*innen ab 12.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und hoffe sehr, die Reise zum Stechlin gefällt euch – gerade in diesem Jahr, wo es nicht so leicht ist, in den Urlaub zu fahren.

Viele Grüße,
Juliane

[NEWS] Schreibwettbewerb #stayhomeandwrite (Piper Digital)

Hallo ihr Lieben,

dieses Jahr bin ich bei Wettbewerben aktiver als jemals zuvor, denn nachdem ich mit meiner Kurzgeschichte “Ein neuer Freund” bei der “Urban Fantasy” Ausschreibung des Ach je Verlags teilgenommen habe (inzwischen läuft da die Auswertung – ich bin gespannt, ob es die Geschichte in die Anthologie schafft), habe ich mich entschieden, auch beim Schreibwettbewerb #stayhomeandwrite von Piper Digital mitzumachen. Ich habe lange mit mir gerungen, welches Projekt ich einreichen soll und hatte intensiv an meinen Zwillingsmagiern gearbeitet, nur um im letzten Moment umzuschwenken und es doch mit meinem Jugendbuch-Roadtrip “Was bleibt ist ein Versprechen” zu versuchen. Der Plot von “Zwillingsmagie” ist einfach noch nicht ausgereift genug – meine liebe Frau Tanja hat zu Recht eine Menge Fehler und Logiklücken bemängelt und mich auf Dinge hingewiesen, die meinen ganzen Plot ad absurdum geführt haben. Letztendlich fehlte mir dann die Zeit, den Plot auf solide Beine zu stellen, weswegen ich auf das Projekt zurückgegriffen habe, das mir persönlich sehr viel bedeutet und in das ich sehr viel Zeit stecken werde, wenn ich es fortführe – “Was bleibt ist ein Versprechen”.

Als Samuels Großonkel stirbt und dem jungen Mann nicht nur seine Tagebücher hinterlässt, sondern ihn auch um einen sehr persönlichen Gefallen bittet, bricht Samuel nach Amerika auf, um die Person zu finden, mit der sein Großonkel zur Zeit des dritten Reiches eng befreundet war. Doch Samuels Trip entführt ihn nicht nur in die Vergangenheit seines Großonkels, sondern wird mehr und mehr zu einer Reise, um sich selbst zu finden und zu akzeptieren …

Ich bin gespannt, wie weit ich mit dem Projekt komme – es passt zumindest zu den Anforderungen des Wettbewerbs, speziell zu den Stoffen, die explizit gesucht werden. Am 09.06.2020 wird die Shortlist bekanntgegeben, dann wird sich zeigen, wer in die engere Auswahl gekommen ist. Bis dahin hab ich zumindest den kleinen Ausschnitt für euch, mit dem ich mich beworben habe 🙂

Meine letzten Zweifel verstummten. Spätestens jetzt war ich fest entschlossen, in den nächsten Flieger zu steigen und nach Samuel Löwenstein zu suchen. Alles andere stand nicht zur Debatte. Heinz baute darauf, dass ich seine letzte Bitte erfüllte! Und ich hatte nicht vor, ihn zu enttäuschen!

Mein Blick wanderte zu einem weiteren Absatz, geschrieben in einer anderen Farbe und mit kaum lesbarer Handschrift.

PS: Ich lege noch einen Brief an meinen getreuen Emil bei. Gib ihn Samuel. Er weiß, was ich damit sagen will.

Diese Worte … Heinz musste sie geschrieben haben, kurz bevor er … Ich schluckte und umklammerte das Kästchen fester. Ein Schleier trübte meinen Blick, als ich die Briefe zurücklegte und den Deckel des Kästchens schloss, in dem Heinz den Rattendrachen, die Träume der Menschen und seinen größten Schatz aufbewahrt hatte: ein altes Kinderbuch. Was auch immer all das bedeutete – ich würde es herausfinden. Ich würde nach Amerika reisen und Samuel Löwensteins Buch zurückbringen.

Ich halte euch auf dem Laufenden 🙂

Viele Grüße und einen schönen Sonntag,
Juliane

[NEWS] Schreibprojekte, Onlineshop, Literaturagentur “Ungebunden”, Messen

Hallo in die Runde,

in den letzten Wochen habe ich (wie immer) meinen Blog sträflich vernachlässigt, dabei geht es bei mir aktuell hoch her. Daher wird es Zeit, zumindest einen groben Überblick über die wichtigsten Ereignisse zu geben 🙂

Schreibprojekte:
Nach dem Schreiben der Kurzgeschichte “Zwillingslicht” sind meine beiden Magier Nazar und Kiama wieder in meinen Fokus gerückt, sprich ich arbeite aktuell verstärkt an dem Roman “Zwillingsmagie”, in dem die gesamte Geschichte der beiden erzählt werden soll. Aktuell stehe ich noch ganz am Anfang, da ich ein wenig probieren musste, wo ich ansetze und wie ich den Roman aufbaue. Ich werde auf jeden Fall einen Teil der bisher erschienenen Kurzgeschichten mit einbauen, wobei diese nicht 1:1 im Roman auftauchen werden. Zudem wird auch Kiama eine Stimme bekommen, da ich die Geschichte nicht nur aus Nazars Sicht erzählen will.

Zudem habe ich mich entschieden bei der “Urban Fantasy” Ausschreibung des Ach je Verlags teilzunehmen – Fans der “Nachtschatten”-Reihe können sich freuen – ich habe mich entschieden die Kurzgeschichte im “Nachtschatten”-Universum anzusiedeln und den Nebenfiguren Ravin und Henri einen kurzen Auftritt zu geben. Über die beiden wollte ich schon immer mal mehr schreiben (in den Romanen hatte ich leider keine Möglichkeit). Aktuell ist sie bei einer Betaleserin – ich bin gespannt, ob sie es in die Anthologie schafft.

Literaturagentur “Ungebunden”:
Vor einer Weile habe ich vom Projekt “Ungebunden” der Uni Bochum gehört und war fasziniert und neugierig – hierbei “wird die Arbeit einer Literaturagentur in einem über zwei Semester angelegten, studentisch geleiteten Seminar praktisch erfahrbar gemacht“. Nach einigem Zögern habe ich mich mit meinem Herzprojekt “Assjah” beworben, denn das Buch ist für nahezu alle Literaturagenturen uninteressant, weil es bereits bei einem Verlag erschienen ist.

Zu meiner großen Überraschung und Freude kam heute die Zusage – “Assjah” wurde für das Projekt angenommen und ich habe heute einen entsprechenden Vertrag unterschrieben. Nun wird es spannend – ich bin schon sehr gespannt, was mich die kommenden Wochen und Monate erwartet und wie die Zusammenarbeit laufen wird.

Onlineshop
Ihr habt es vielleicht schon mitbekommen, aber seit Ostern ist ein Onlineshop auf der Homepage verfügbar. Ab sofort könnt ihr also direkt bei mir Bücher und Anthologien von meiner Frau Tanja und/oder mir bestellen – natürlich bezeichnet, signiert und teils mit exklusiven Gimmicks bestückt, die es normalerweise nur auf Messen gibt. Schaut euch um und ordert die neusten Bücher von FantastiQueer direkt bei uns. Wir freuen uns auf euer Bestellungen 🙂

Messen/Cons
Ihr habt es mitbekommen – bis einschließlich 31.08.2020 sind sämtliche Großveranstaltungen untersagt. Für uns bedeutet das, dass sämtliche Messen ausfallen, die wir 2020 geplant hatten (mit Ausnahme der Veranstaltungen im Herbst, wobei auch das noch unsicher ist). Stand heute sind wir dieses Jahr auf keiner Messe anzutreffen. Wir sind sehr traurig, dass wir dieses Jahr so gar keine Messeauftritte haben, aber Sicherheit geht vor. Damit ihr trotzdem die Möglichkeit habt, unsere Bücher zu erwerben, haben wir den Onlineshop für euch eingerichtet – wir hoffen, dass das ein wenig entschädigt und freuen uns auf 2021, dann hoffentlich ohne Corona.

Bis dahin bleibt gesund und haltet die Ohren steif.

Alles Liebe,
Juliane

[SPENDEN-GEWINNSPIEL] Herz aus Kristall

Hallo ihr Lieben,

vor einigen Tagen habe ich euch schon darauf aufmerksam gemacht, dass die meisten Zoos und Tierparks (ebenso viele andere Orte, die aktuell wegen der C-Krise geschlossen sind) aktuell auf Spenden angewiesen sind. Auch die Aktion Fischotterschutz e.V. / OTTER-ZENTRUM Hankensbüttel sind nun vermehrt auf Spenden angewiesen, da die Besuchereinnahmen wegfallen.

 

Da ich den Otterschutz sowohl privat, als auch als Autorin unterstütze, möchte ich zu einem etwas anderen Gewinnspiel aufrufen. Ziel ist es weitere Spenden für den Otterschutz zu generieren, damit sie diese Zeit gut überstehen. Gewinnen könnt ihr ein einmaliges “Herz aus Kristall”-Paket mit tollen Gimmicks und Überraschungen:
Herz aus Kristall (bezeichnet und signiert)
Otter Tasse
Postkarten-Set mit allen wichtigen Charakteren des Buches
Otter Lesezeichen
Otter Figurenset
Informationen zum Verein Otterschutz
Überraschungen

Und so läuft das Gewinnspiel im Detail:
Spendet der Aktion Fischotterschutz einen beliebigen Betrag – es ist egal, wie viel ihr spendet. Jede Summe hilft:

https://www.paypal.com/cgi-bin/webscr?cmd=_s-xclick&hosted_button_id=BTHJ3NZ2ZULUJ&source=url

Alle, die spenden und mir via PN (Facebook/Instgram) oder Mail (koriko@gmx.de, Betreff “Otterschutz”) dafür bis zum 12.04.2020 um 23:59 Uhr einen Nachweis (PDF, Screenshot, Spendenquittung, etc.) senden, kommt in den Lostopf. Die Summe könnt ihr dabei gerne ausblenden oder wegschneiden – mir ist es wichtig, dass überhaupt Geld für den Otterschutz zusammenkommt.

Ich lose zeitnah aus und versende das Paket noch vor Ostern, damit es rechtzeitig zum Eiersuchen bei euch ist.

Ich hoffe sehr, dass die ein oder andere Spende eingeht und freue mich über eure Nachrichten 🙂 Bei der Auslosung gebe ich (soweit möglich) auch bekannt, wie viel Geld für den Otterschutz eingegangen ist.

Viel Glück und bleibt gesund,
Juliane

[AKTION] Schreib eine Geschichte!

Hallo in die Runde,

vor einigen Tagen rief die Autorin Karo Stein auf ihrem Blog dazu auf, spontan eine Kurzgeschichte zu schreiben, um den Leser*innen in Zeit der Corona-Epidemie einen positiven Lesegenuss und Hoffnung zu schenken. Ich fand den Aufruf so schön und so motivierend, dass ich mich heute an eine kurze Geschichte über meine beiden Magier Nazar und Kiama gesetzt habe, die lose nach den anderen Geschichten aus dem “Zwillingsmagie”-Universum spielt. Das hat jetzt den netten Nebeneffekt, dass ich ungemein viel Lust habe, mich endlich an “Zwillingsmagie” zu setzen, in der ich die gesamte Geschichte der beiden erzählen will 🙂 Ich halte euch auf dem Laufenden, was meine Arbeit an dem neuen Roman betrifft – also haltet die Augen offen.

Es ist die erste Geschichte, die ihr direkt auf meinem Blog lesen könnt – normalerweise gibt es von mir keine Geschichten online zu lesen (von Leseproben einmal abgesehen), aber in diesem besonderen Fall, mache ich mit Freuden eine Ausnahme.

Zwillingslicht (ca. 2.400 Wörter)

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und hoffe, die kleine Geschichte gefällt euch. Natürlich freue ich mich über Feedback, wenn ihr die Geschichte gelesen habt.

Haltet die Ohren oben und bleibt gesund,
Juliane

[KURZGESCHICHTE] Zwillingslicht

Nur ein Funke … ein winziger Lichtstrahl – war das denn wirklich schon zu viel für ihn? Brachte er nicht einmal einen simplen Lichtzauber zustande?

Enttäuscht und voller Verbitterung ließ Nazar die Hand sinken. Er schaffte es einfach nicht! Er versagte bei einem der leichtesten Zauber, den es gab. Kein Wunder, dass er nicht einmal den ersten Zaubergrad erreicht hatte und mit Anlauf durch die Prüfung gefallen war, weil er daran scheiterte, eine kleine Kugel aus Licht heraufzubeschwören. Dabei war nicht einmal die Formel das Problem – bei den meisten Zaubern genügte ihm ein Blick auf die Zauberformeln und er hatte sie verinnerlicht, ganz gleich wie kompliziert sie waren. Nur wieviel Sinn hatte es, sich die Worte eines banalen Zaubers mit Leichtigkeit zu merken, wenn er die Magielinien der Welt nicht erreichte? Sie blieben ihm verschlossen, als stünde er vor dem Eingangstor einer riesigen Mauer und hatte keinen passenden Schlüssel zur Hand.

Wobei er diesen inzwischen gefunden hatte – Kiama war sein Zugang zu den Magielinien. Seitdem sie eine leidenschaftliche Nacht im Zeichen des Zwillingsmondes verbracht hatten, waren sie miteinander verbunden. Der Zwillingsmond selbst hatte sie zusammengeschweißt und sein Zeichen in ihre Handflächen gebrannt. Seitdem konnten sie gemeinsam zaubern – Kiama, der zwar Zugang zur Magie hatte, diese jedoch nicht kontrollieren konnte und er, der wusste, wie man die Macht mit Worten bändigte.

Im Grunde eine gute Grundlage, zumal seine Meisterin Shamalla Kiama als zweiten Schüler bei sich aufgenommen hatte. Allerdings harmonierten sie menschlich nicht immer miteinander. So sehr sie beim Zaubern aufeinander angewiesen waren, so leicht gerieten sie miteinander in Streit.

Und meistens war es seine Schuld … gerade in den letzten Wochen … Anstatt sich eine gemeinsame Basis zu erarbeiten – sowohl auf emotionaler Ebene, als auch für die gemeinsame Arbeit – stieß er Kiama von sich.

Nazar ließ sich ins Gras fallen und breitete die Arme aus. Warum gelang es ihm nicht, seine Eifersucht im Zaum zu halten? Warum musste er Kiama immer wieder vor den Kopf stoßen, wenn dieser freudestrahlend von seinen Fortschritten berichtete, die er im Einzelunterricht mit Shamalla erzielte. Ihre Meisterin investierte viel Zeit, um Kiamas wilde Magie unter Kontrolle zu bringen, ihn anzuleiten, sich die ungezügelte Macht mit Hilfe von Zaubersprüchen zunutze zu machen. Während sein Mitschüler nach und nach Wege entdeckte, seine Macht zu beherrschen und sogar erste Zauber intonierte, blieb Nazar nichts. Er würde die Magielinien nicht erreichen, ganz gleich wieviel Zeit er investierte. Er war wie ein Buch voller Zaubersprüche, das niemand lesen wollte. Shamalla wusste das, ebenso wie Kiama. Wahrscheinlich war dem gesamten Magierrat diese Tatsache bewusst.

Was wurde aus ihm, wenn Kiama irgendwann in der Lage war, die Magie zu kontrollieren? Was, wenn er Nazar irgendwann nicht mehr zum Zaubern brauchte – Zwillingsmond hin oder her? Warum gab es für ihn keine Möglichkeit, seine Schwäche zu überwinden; einen Weg, um die Magielinien zu erreichen und ebenfalls ohne Kiama zu zaubern?

Vielleicht sollte er in seine Heimat zurückkehren – in das kleine Dorf am Fuße des Schattengebirges. Es würde zwar wie eine Flucht wirken, doch was blieb ihm noch. Er würde nicht ewig in der Magierstadt Almaz bleiben können, wenn er nicht einmal die erste Zauberstufe erreichte …

„Nazar?“ Eine wohlbekannte Stimme riss ihn aus den Gedanken. Er wandte den Blick zur Seite und sah zu Kiama auf, der sich neben ihn setzte. Nazar wusste nicht, wie lange der Südländer ihn beobachtet hatte … vielleicht hatte er seinen letzten erfolglosen Versuch zu zaubern, sogar beobachtet. Wut sammelte sich in ihm.

„Und? Hast du den Luftzauber geschafft, den Shamalla dir beim Frühstück beschrieben hat?“, fragte Nazar und klang frustrierter als er wollte. Ein Teil von ihm wusste, dass Kiama keine Schuld traf, er ihm Unrecht tat, doch er konnte Zorn und Enttäuschung nicht aus seiner Stimme verbannen.

„Ich weiß, dass du verstimmt bist“, antwortete Kiama, ohne auf Nazars Frage einzugehen. „Ich kann dich sogar verstehen, aber …“

Mit einem Schnauben wandte Nazar sich ab und schloss die Augen. Die Wut loderte heiß in ihm. Worte drängten seinen Hals hinauf, die er nicht sagen wollte, also schwieg er verbissen.

„Es ist nicht meine Schuld, weißt du. Wenn ich könnte …“

„Kannst du aber nicht“, fuhr Nazar dazwischen. Mit einem Ruck richtete er sich auf und konzentrierte sich auf den Lichtzauber, der ihm seit Stunden nicht gelingen wollte. Schweiß sammelte sich auf seiner Stirn, während er mit aller Macht einen Lichtfunken heraufbeschwören wollte. Für einen winzigen Moment glomm tatsächlich ein schwacher Funken über seiner ausgestreckten Hand aus, doch er verschwand sofort wieder. Lediglich eine feine Rauchschwade blieb zurück, die sich im Licht der untergehenden Sonne auflöste. „Siehst du? Ich schaffe nicht einmal den elementarsten Zauber, ganz gleich, wie sehr ich mich bemühe.“

Kiama sah ihn ausdruckslos an. Seine dunklen Augen wirkten wie schwarze Perlen in dem schmalen, ebenmäßigen Gesicht. In Nazar stritt sich der Wunsch, den Magier von sich zu stoßen, mit dem Wunsch, ihn an sich zu ziehen und zu küssen. Das war das zweite Problem, das er hatte, wenn er in Kiamas Nähe war. Diese Unausgeglichenheit, die ihn schier in den Wahnsinn trieb.

„Während du mit Shamalla Fortschritte machst, vielleicht sogar irgendwann deine wilde Magie beherrschen wirst, bleibt mir nichts … keine Möglichkeit, irgendwie aufzuholen oder es aus eigener Kraft zu schaffen. Wer weiß, in naher Zukunft wirst du vielleicht sogar ohne mich auskommen und brauchst mich nicht mehr …“, sprudelte es aus Nazar heraus. Dabei hatte er all das für sich behalten wollen. Stattdessen breitete er seine Ängste und Sorgen vor Kiama aus.

„Denkst du das wirklich?“ Eine steile Falte bildete sich zwischen Kiamas Augenbrauen. Sein Mund war zu einem schmalen Strich zusammengepresst. „Du glaubst, ich werfe all das weg, was zwischen uns entstanden ist?“

Nazar wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. In seinem Kopf stritt sein Stolz mit seinem Herzen, hinterließen ein einziges Gefühlschaos. Was sollte er darauf antworten? Hatte er Kiama falsch eingeschätzt? War er auf dem Holzweg, was Kiamas Unterricht betraf? Sein Stolz gewann schließlich die Oberhand, verbot ihm schon jetzt einzulenken. „Du meinst der Pakt, den der Zwillingsmond zwischen uns gesegnet hat?“

„Du bist ein Idiot, Nazar“, fauchte Kiama und schüttelte den Kopf. Der Südländer machte Anstalten aufzustehen, überlegte es sich jedoch anders und rückte näher an Nazar heran. Warmer Atem schlug ihm entgegen, als Kiama, dicht vor seinem Gesicht, fortfuhr: „Denkst du wirklich, ich bin nur deswegen hier, weil mich der Zauber eines Gottes an dich bindet, an den ich nicht einmal glaube? In meiner Heimat verehren wir die mächtigen Feuergötter der Vulkane, keine magischen Mondgötter.“

Nazar schluckte, als er den feurigen Blick des Mannes erwiderte, der seine Gefühlswelt durcheinanderbrachte. Schon seit sie sich zum ersten Mal in diesem Garten geliebt hatten; in der Nacht des Zwillingsmondes, in der alles begonnen hatte. Es waren diese Augen gewesen, die ihn gefesselt hatten, diese feurigen Blicke, die ihn gefangen nahmen und Hitze und Erregung mit sich brachten.

„Als uns dieser Traummagier angegriffen, dich in einem Albtraum gefangen gehalten hat, habe ich alles unternommen, um dich aus seinen Fängen zu befreien. Es war mir egal, wie gefährlich es war, in deine Träume einzutauchen. Ich hätte mich in ihnen verlieren können … Glaubst du wirklich, ich hätte das auf mich genommen, wenn …“ Er brach ab. Zum ersten Mal wirkte er angreifbar und verletzlich. „… wenn du mir nichts bedeuten würdest?“

Nazar versuchte den Kloß in seinem Hals hinunterzuschlucken, doch er schnürte ihm die Kehle zu. Das schlechte Gewissen sammelte sich in seinem Magen und verdrängte die schwelende Wut endgültig. Die Eifersucht und Angst hatten ihn blind gemacht, für das, was wirklich in Kiama vor sich ging … was der Südländer wirklich für ihn empfand. Und er für ihn … „Ich …“

„Und weißt du was?“ Kiama ließ ihn nicht zu Wort kommen. Er hob die Hand, murmelte etwas linkisch die Worte des Lichtzaubers, die Nazar in den letzten Stunden so oft intoniert hatte, dass er jede Silbe inzwischen verabscheute. Ein gleißender Lichtball breitete sich über Kiamas Hand aus und blendete Nazar so sehr, dass er gepeinigt zurückwich. Tränen liefen ihm über die Wangen, während grelle, rote Flecken auf seinen geschlossenen Lidern tanzten. Er hatte das Gefühl, direkt in einen Blitz hineingesehen zu haben.

„Bist du verrückt?“, keuchte er entsetzt.

Das Licht verlosch, doch Nazar wagte es nicht, die Augen zu öffnen. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis er die brennenden Lider hob und blinzelnd die letzten Lichtpunkte vertrieb. Nach und nach gewöhnten sich seine Augen wieder an die aufziehende Dunkelheit. Er sah zu Kiama, den er zunächst als verschwommene Silhouette sah, bis sich sein Blick schärfte und er das Gesicht des Südländers erkannte – die großen Augen, die hohen Wangenknochen und das markante Kinn.

„Das passiert, wenn ich den kleinen Lichtzauber wirke, den andere schon nach wenigen Tagen beherrschen“, murmelte Kiama mit einem Seufzen. „Sieht das für dich nach Kontrolle aus? Denkst du wirklich, damit könnte ich an den Prüfungen teilnehmen?“

Nazar schüttelte den Kopf. Leichter Druck machte sich in seinen Schläfen breit. Er wollte etwas sagen, doch ihm fehlten die Worte. Ausgerechnet ihm, dem es stets leichtgefallen war, mit Worten und Sätzen zu spielen.

„Bevor Shamalla mich aufgenommen und unterrichtet hat, hätte dieser simple Lichtzauber jedem in meiner Nähe erheblichen Schaden zugefügt. Du willst nicht wissen, was mit Meister Hakor passiert ist, als ich den Zauber zum ersten Mal anwandte. Wäre er nicht ein solch mächtiger Magier, das Licht hätte ihn bei lebendigem Leib verbrannt.“ Er senkte den Blick zu Boden, langes Haar fiel ihm vor die Augen. „Ich bin eine Gefahr für alle, wenn ich nicht lerne, einen Teil der Macht zu kontrollieren, auf die ich zugreifen kann.“

„Das … wusste ich nicht“, gestand Nazar.

„Nicht nur du hast Probleme mit dem Zaubern und Wirken von Magie. Und nur weil es mir nach so vielen Wochen endlich gelingt, die Macht der Magielinien ein wenig abzuschwächen, heißt das nicht …“

„… dass du es in absehbarer Zeit allein schaffst“, vollendete Nazar die leisen Worte des Mannes, den er in den letzten Tagen vollkommen falsch eingeschätzt hatte. Wahrscheinlich arbeitete Kiama deswegen so verbissen an sich, um Nazar nicht unnötig zu gefährden. Kiama hatte Recht – er war ein Idiot!

„Wahrscheinlich wird mir das nie gelingen …“, fügte Kiama nach einer Weile hinzu. „Ich schätze, zum Zaubern werde ich dich immer brauchen.“

Nazar nickte und streckte die Hand nach Kiama aus. Ihm fiel ein Stein vom Herzen, als der junge Mann näherkam und die feste Umarmung zuließ. Nazar spürte den warmen Atem auf seiner Haut, als Kiama den Kopf auf seiner Brust ablegte.

„Es tut mir leid, Kiama“, murmelte Nazar und drückte Kiama einen Kuss auf die Stirn. „Ich weiß nicht … was in mich gefahren ist.“

„Ist schon in Ordnung. Ich verstehe dich – deinen Frust, deine Angst, irgendwann überflüssig zu sein; eines Tages, nicht mehr gebraucht zu werden. Dabei werde ich dich immer brauchen, Nazar. Solange du es zulässt, bleibe ich an deiner Seite.“ Kiama schob sich höher, reckte sich ihm entgegen und suchte seine Lippen.

Nazar kam ihm nur zu gerne entgegen und erwiderte den Kuss mit aller Leidenschaft, zu der er fähig war. Er genoss die warmen Lippen, den Duft von Honig und warmen Sommerabenden, der ihm in die Nase stieg und die wohlige Wärme, die Kiama verströmte. Seine Finger spielten mit Kiamas langen dunklen Haarsträhnen, vergruben sich in ihnen und zogen den Südländer näher zu sich. Als ihm ein heiseres Stöhnen über die Lippen kam und die Hitze in seinen Lenden beinah jeden klaren Gedanken vertrieb, zog er sich schwer atmend zurück.

„Warte …“

„Du weißt, wo wir uns befinden?“, fragte Kiama mit rauer Stimme und fuhr ihm spielerisch über die Oberschenkel. Ein Schauder rann über Nazars Rücken. Es kostete ihn all seine Vernunft, nicht auf Kiamas Spiel einzusteigen. Dabei hätte er nichts lieber getan, als sich den flinken Fingern hinzugeben und Kiama mit allen Sinnen zu genießen.

„Im Garten?“, murmelte er und griff nach Kiamas Hand, die sich gefährlich nah dem Zentrum seiner Erregung genähert hatte. Er verschränkte Kiamas Finger mit seinen und schüttelte den Kopf.

„Unter diesem Baum, haben wir uns zum ersten Mal …“ Kiama ließ den Satz offen und schenkte ihm ein schiefes Grinsen. Dann rückte er näher, schmiegte sich an Nazar, dem es mit jeder Sekunde schwerer fiel, nicht auf Kiamas Avancen einzusteigen.

„Ich weiß … damals waren wir allerdings allein. Shamalla war auf dem Magierkongress und wir hatten die Villa für uns.“ Er gab Kiama einen flüchtigen Kuss und schob den Südländer schließlich von sich. „Ich habe nicht vor, ihr direkt vor Augen zu führen, was wir miteinander teilen.“

Kiama atmete tief durch und nickte schließlich. Mit einem Seufzen brachte er Abstand zwischen sie. Obwohl die letzten Sonnenstrahlen schon längst hinter den Wipfeln der Bäume verschwunden waren, hatte Nazar den Eindruck, dass Kiamas Wangen glühten. „Du hast recht. Das wäre wirklich … ungebührlich.“ Er strich sich das Haar aus dem Gesicht und schenkte Nazar ein zweideutiges Grinsen. „Setzen wir das später in meinem Zimmer fort?“

„Warum nicht gleich?“, entgegnete Nazar so schnell, dass er peinlich berührt den Kopf senkte. Es war offensichtlich, wie sehr er sich danach sehnte, mit Kiama eins zu werden. Am liebsten wäre er sofort aufgesprungen und hätte sich mit Kiama zurückgezogen. Das letzte Mal war viel zu lange her …

Kiamas leises Lachen wehte über die Wiese, während er sich erhob und Nazar mit sich zog. „Du kannst ziemlich ungeduldig sein, weißt du das?“

Nazar antwortete nicht. Kiama wusste sowieso, was in ihm vor sich ging. Er packte die Hand des Südländers fester, spürte wie sich die Symbole auf ihren Handinnenflächen kribbelnd berührten.

„Was hältst du von ein wenig Licht? Inzwischen ist es ziemlich dunkel geworden. Dann finden wir schneller den Weg ins Haus.“ Kiama trat dicht an ihn heran und gab ihm einen Kuss in den Nacken.

Nazar genoss die sanfte Berührung, konzentrierte sich auf den Lichtzauber und murmelte die verhassten Worte. Über seiner ausgestreckten Hand bildete sich eine sanft schimmernde, leicht rotierende Kugel aus Licht. Sie erhellte die nähere Umgebung, tauchte ihn und Kiama in ein warmes, hoffnungsvolles Licht und schenkte Nazar ein fast vergessenes Glücksgefühl.

„Wunderschön …“, hauchte Kiama und stieß mit dem Finger gegen das leuchtende Gebilde.

Nazar nickte. „… und erschaffen von uns beiden.“

~ Ende ~

[NEWS] Taschenbuch “Herz aus Kristall” erhältlich / Messeabsage

Hallo ihr Lieben,

die letzten Wochen war sehr ereignisreich – inzwischen dürfte jeder mitbekommen haben, dass sämtliche groß Messen abgesagt wurden bzw. werden. Auch die Leipziger Buchmesse wird 2020 nicht stattfinden, daher komme ich leider nicht dazu das frisch erschienene Taschenbuch bei den geplanten Signierstunden vorzustellen. Für meine Frau Tanja und mich wäre es der erste Besuch der LBM seit 2011 gewesen, wir beide hätten gerne unsere neuen Bücher präsentiert.

Jetzt bleiben uns die kleinen Messen und Cons (die hoffentlich nicht abgesagt werden) und Aktionen wie #bücherhamstern bzw. die Litfair 2020, wo wir ebenfalls teilnehmen. Haltet also in den nächsten Tagen die Augen offen – wir werden bei der ein oder anderen Aktion dabei sein – die meisten finden auf meiner Facebook-Autorenseite statt.

Kommen wir zu einer tollen Nachricht – die ersten Taschenbücher sind bei mir eingetrudelt. Im Grunde hat mir die Verlegerin der Tagträumer Verlags die Taschenbücher von “Herz aus Kristall” zum Weltenwerker Konvent gebracht, denn die Druckerei hat die Lieferungen durcheinander gebracht. Jessica Strang sei dank, habe ich die Bücher noch rechtzeitig zur ersten Lesung bekommen und konnte die ersten Taschenbücher auch der Con präsentieren.

Für alle, die keine Chance hatten bzw. haben, einen Blick in das Buch zu werfen, habe ich hier ein paar Bilder vom Buch und Inhalt – wie ihr seht enthält das Taschenbuch etliche tolle Illustrationen der Figuren meiner Frau Tanja 🙂

Solltet ihr gerne ein Taschenbuch euer Eigen nennen wollen, dann bestellt das Buch entweder direkt beim Verlag, oder meldet euch via Mail bei mir. Alle Bücher werden von mir mit einem Otter (was sonst?) bezeichnet und signiert, zudem gibt es als Gimmick ein tolles Postkartenset mit allen Charakteren, sowie ein bisschen Infomaterial zum Otterschutz. Also meldet euch – ich würde mich freuen 🙂

Ich hoffe sehr, dass ich den ein oder anderen auf einer der Messen sehe, auf der meine Frau und ich noch sein werden, euch neugierig auf die Taschenbücher gemacht habe, oder euch bei einer der Online-Buchmesse-Ersatz-Aktionen sehe. Ich würde mich freuen 🙂

Viele Grüße,
Juliane