[KURZGESCHICHTE] Ein neuer Freund

Ein Schlag genügte, um den grauen Wolf niederzustrecken, dem sie seit Tagen auf der Spur waren. Ravin bedauerte, dass er seinen Gegner so schnell außer Gefecht gesetzt hatte. Er hätte ihm die Chance auf einen Gegenangriff geben oder den schmalen Kopf des Wolfes absichtlich verfehlen sollen – dann wäre es wenigstens zu einem kurzen Kampf gekommen, bei dem er sich hätte austoben können.

Stattdessen war die Jagd vorbei, kaum dass sie begonnen hatte und hinterließ ein Gefühl tiefer Unzufriedenheit. Was gäbe er dafür, in seiner Tigerform zu bleiben und laut brüllend durch das Unterholz zu jagen. Dass das seitens des Hohen Rates streng verboten war – geschenkt. Er verband sich sowieso viel zu selten mit seinem Schutzengel. Es glich einem Wunder, dass das Band zwischen Amita und ihm überhaupt noch bestand, so selten wie sie es erneuerten.

„Gut gemacht“, ertönte eine Stimme hinter ihm. Henri hatte sich genähert – wie immer vollkommen lautlos. Der Vampir huschte an ihm vorbei und beugte sich über den grauen Wolf. Ein leises Grollen kam ihm über die Lippen. Ravin wusste, dass Henri Werwölfe nicht mochte – einer der Gründe weswegen er sich bei dieser Jagd zurückgehalten hatte. Nicht dass es ihn stören würde … „Wir übergeben ihn dem Rat. Sie werden sich um ihn kümmern und dafür sorgen, dass er einem der hiesigen Rudel zugeordnet wird.“

Ravin legte den Kopf schief und näherte sich dem knieenden Mann. Er genoss den weichen Erdboden unter seinen Pfoten, vergrub seine scharfen Krallen in dem moosigen Untergrund. Am liebsten hätte er sich wie eine Katze gestreckt, doch das kam ihm unpassend vor.

„Wie lange willst du in dieser Form bleiben?“, fragte Henri und warf ihm einen nachdenklichen Blick zu. Da seine Augen blau fluorisierten und seine Eckzähne verlängert waren, war er noch immer mit seinem Schutzengel Claudine verbunden. Erst als das Glühen nachließ und sich die scharfgeschnittenen Züge des Vampirs glätteten, war sich Ravin sicher, dass Henri seine Verbindung mit Claudine beendet hatte.

Es kostete ihn Überwindung, sich von Amita zu trennen, doch schließlich ließ er sie gehen. Die Rückverwandlung in einen Menschen verlief schnell und schmerzlos, auch wenn er wusste, wie unelegant seine Verwandlung auf Außenstehende wirkte. Die Veränderungen des Knochenbaus, die Rückbildung des Fells und die Neubildung der Haut – wie bei jedem Werwesen war das kein schöner Anblick.

Nackt blieb er neben Henri hocken, nutzte den Moment, um sich an seinen menschlichen Körper zu gewöhnen. Mit einem Seufzen richtete er sich auf und streckte sich. Im Gegensatz zu dem Vampir, der die Zugeknöpftheit eines Adeligen aus den Zeiten der Französischen Revolution besaß, störte es Ravin nicht, ohne Kleidung zu sein – im Gegenteil. Er mochte einengende Kleidung nicht, ganz besonders die europäischen Hosen bereiteten ihm Probleme.

„Hier.“

Woher auch immer Henri den Dhoti zog, Ravin nahm das traditionell indischen Kleidungsstück mit einem Lächeln entgegen und schlang es sich geschickt um sie Beine.

Er hat es sich gemerkt, machte Amita auf sich aufmerksam. Sie schwebte neben ihm und betrachtete den Vampir neugierig. In ihren leuchtenden, großen Augen schimmerte eine Mischung aus Glück und Zufriedenheit. Sie strich sich das lange, dunkle Haar zurück. Gut zu wissen, dass er lernt, Rücksicht zu nehmen.

‚Schon möglich‘, entgegnete Ravin im Stillen. ‚Er gibt sich zumindest Mühe …‘

Du bist ein Pessimist. Wenn ich da an die anderen deutschen Jägerteams denke … Sie näherte sich Henri, der inzwischen sein Handy gezückt hatte und den Rat über den erfolgreichen Abschluss der Mission informierte. Binnen der nächsten halben Stunde wären einige loyale Wesen hier und würden den grauen Wolf mitnehmen. Henri meint es ehrlich und das weißt du. Du weißt, wie Verrat stinkt. Und er verströmt nichts davon.

‚Trotzdem …‘ Er brach ab und senkte den Blick. Es fiel ihm schwer, zu vertrauen. Dabei war nicht einmal die Tatsache, dass es sich bei Henri um einen Vampir handelte, ein Problem für ihn. Im Gegensatz zu den heimischen Werwölfen hatte er als Wertiger kein Problem mit Vampiren. Sie erinnerten ihn ein wenig an die blutsaugenden, monströsen Baital seiner Heimat, wenngleich die europäischen Vampire wesentlich schöner und charismatischer waren.

„Sie schicken jemanden. Bis sie kommen, müssen wir den Wolf im Auge behalten.“ Henri steckte sein Handy weg und sah sich kurz um, dann ließ er sich auf den moosigen Boden sinken und streckte die Beine aus. Mit einer fließenden Bewegung löste er das Haarband und schüttelte die braunen Locken aus. Das Licht der untergehenden Sonne zauberte rote Farbreflexe in die langen Strähnen. „Jetzt setz dich schon, Ravin. Mit etwas Pech werden wir bis in die Nacht hinein auf den Klärungstrupp warten müssen.“

Ravin kam der Aufforderung zögernd nach. Es war seltsam, mit dem Vampir allein zu sein. Normalerweise gingen sie zu viert auf Jagd, denn Henri verzichtete selten auf Leandras Stärke oder Georges Gewandtheit. Doch dieses Mal hatte er explizit nur ihn angefordert. Er konnte nicht einfach verschwinden, wie er es immer tat, sobald ein Auftrag erledigt war. Das war eine der Regeln, die Henri ihm zuerst genannt hatte – es blieben immer zwei zur Bewachung eines Wesens, bis der Klärungstrupp vor Ort war.

„Sich mit dir zu unterhalten, ist so spannend, wie mit einem Baum zu reden“, gab Henri frustriert von sich. Ravin spürte die bohrenden Seitenblicke, doch er wusste nicht, was er sagen sollte. „Du bis seit fast sechs Monaten Teil meines Teams und wir haben gefühlt nicht mehr als eine Hand voll Worte gewechselt. Ich weiß, dass du bei anderen Jägerteams viel durchgemacht hast, daher habe ich dir Zeit gegeben, dich einzugewöhnen, aber allmählich musst du auf uns zugehen. Wir müssen einander vertrauen, gerade wenn wir zusammen kämpfen wollen und so leid es mir tut – weder Leandra noch Georg sehen in dir eine Unterstützung. Das liegt auch daran, dass du zumeist allein agierst, was ich nicht immer gutheiße.“

‚Ich bin halt ein Einzelgänger …‘, schoss es Ravin durch den Kopf.

„Du bist zwar stark und besser als ein Werwolf, aber nicht wirklich teamfähig“, beendete Henri seine Ansprache. Er richtete seinen Blick auf die umstehenden Bäume, suchte die tiefer werdenden Schatten ihrer Umgebung nach möglichen Angreifern ab. Doch es blieb alles ruhig. Ravin wusste, dass niemand in er Nähe war – nicht einmal ein Tier wagte sich in die Nähe dieser kleinen Lichtung.

„Ich weiß …“, murmelte Ravin. Wie immer hatte er Probleme mit den deutschen Silben – sie fühlten sich rau und sperrig an, ein Grund weswegen er so selten den Mund aufmachte. Sein indischer Akzent war ihm unangenehm – als wären seine dunkle Hautfarbe und das lange, schwarze Haar nicht genug, um ihn von der Masse abzuheben. Er stach jedem ins Auge, dabei hasste er es im Mittelpunkt zu stehen. „Ich weiß auch, dass du meine Akte gelesen hast.“

„So viel konnte ich den Notizen nicht entnehmen, die es über dich gibt“, erwiderte Henri. Er pflückte eine kleine Blume und betrachtete eingehend die weiße Blüte. „Du warst in drei Jägerteams, bevor du zu uns kamst. Ich weiß nicht genau, warum sie dich ablehnten, aber die Anführer dürften dasselbe Problem gehabt haben, wie ich … Du lässt niemanden an dich heran und blockst jeden ab, der dir zu nahe kommt. So kann man auf Dauer nicht mit dir zusammen arbeiten.“

„Tiger sind Einzelgänger.“

„Das ist eine Ausrede!“

Ravin stieß ein Grollen aus. Er hasste es, so bedrängt zu werden. Warum sollte er sein Innerstes offenlegen und all diesen Wesen vertrauen, die ihm so fremd waren? Er wollte nicht hier sein! Und er wollte nicht mit den europäischen Nachtschatten zusammen arbeiten! In seiner Heimat gab es keine Jägerteams. Da war jedes Wesen auf sich allein gestellt, wenn es für einen Hohen Rat arbeitete. Nur in Europa gab es diese seltsamen Zusammenschlüsse von Vampiren, Werwesen, Menschen und Sidhe.

Es wird Zeit, dass du es endlich akzeptierst, Ravin, mischte sich Amita ein. Ihre Stimme klang strenger und barscher als sonst. Du kannst nicht zurück nach Indien, solange Rakeshs Bann noch aktiv ist – und ich bezweifle, dass er ihn jemals von dir nehmen wird. Also hör auf so stur zu sein und akzeptiere dieses Land als dein neues Zuhause. Du machst es dir nur schwer, wenn du diejenigen von dir stößt, die dir wirklich helfen wollen.

‚Hätte ich doch nur dieser Verbindung mit Nishay zugestimmt. Irgendwie wäre es mir gelungen …‘

… dieser Frau Kinder zu schenken? In einem heiligen Ritual eine weitere Generation Wertiger hervorzubringen? Du weißt so gut wie ich, dass nichts in dir diese Leidenschaft entfachen kann – weder Mann noch Frau. Amita schlang von hinten die Arme um ihn. Er spürte ihre sanfte, beruhigende Wärme, auch wenn sie so unstofflich wie ein Geist war. Ihre Gegenwart beruhigte sein wild schlagendes Herz. Du hast das Richtige getan, Ravin. Du hast ihr die Wahrheit gesagt, bevor ihr verheiratet wurdet. Es hätte euch beide zerstört, wenn du versucht hättest, deinen ehelichen Pflichten nachzukommen. Wobei es sie als Frau noch schlimmer getroffen hätte …

‚Mag sein, nur vergisst du, dass sie mich an Rakesh verraten hat! Wegen ihr wurde ich verbannt …‘ Ravin spürte heißen Zorn in sich aufwallen. Er legte sich wie ein bitterer Film auf seine Zunge. Warum war er so … kaputt? Warum verspürte er keinerlei Interesse an Sex? Hatten die Götter ihn verflucht, weil er in einem früheren Leben etwas Unaussprechliches getan hatte?

Du bist nicht kaputt, Ravin. Amita neigte sich über ihn, ein zorniges Funkeln in den großen Augen. Diese Gedanken will ich nie wieder mitbekommen.

„Ich stamme aus Frankreich“, riss Henri ihn plötzlich aus seinem inneren Monolog mit Amita. Irritiert sah er zu dem Vampir, dessen Blick ins Leere ging. Wahrscheinlich hatte auch er in den letzten Minuten mit seinem Schutzgeist gesprochen. „Im Juli 1789 fand mein Blutritual statt, das mich an Claudine band. Ich weiß nicht, ob du etwas über französische Geschichte weißt, aber es war ein wahrlich ungünstiger Zeitpunkt, um den Schritt vom Menschen zum Vampir zu machen. Während ich zum ersten Mal menschliches Blut trank und eins mit meinem Schutzengel wurde, tobten Schlachten in den Straßen von Paris. Damals hat sich Frankreich nach und nach verändert – die Macht des Adels schrumpfte, viele wurden hingerichtet.“ Mit einem Seufzen schüttelte Henri den Kopf. „So viele sind damals gestorben … meine Familie hat nur überlebt, weil wir rechtzeitig geflohen sind …“

„Warum erzählst du mir das alles?“, fragte Ravin. Er hatte den Vampir nie einschätzen können, jetzt fiel es ihm noch schwerer, hinter die Fassade des Mannes zu blicken. Henri tat nichts ohne Grund – warum also gab Henri ihm einen Einblick in seine Vergangenheit?

„Weil ich schwerlich von dir Offenheit verlangen kann, wenn du nichts über mich weißt. Ich bin im Vorteil, weil ich deine Akte gelesen habe, daher sorge ich für Ausgleich.“ Henris Blick wanderte zu den Wipfeln der Bäume. Der Himmel war zunehmend dunkler geworden, die ersten Sterne blitzten zwischen den Ästen auf. „Ich bin über 250 Jahre alt und lebe seit knapp 220 Jahren als Vampir. Mein Herz gehört Paris, aber ich habe Mainz schätzen und lieben gelernt … auch wenn die Bewohner manchmal etwas bäuerlich sind.“

„Warum lebst du dann hier?“

„Ich habe Paris wegen der Revolution hinter mir gelassen … ich habe zu viele Freunde sterben sehen. Und Frankreich … nun da spielen persönliche Gründe eine Rolle. Wenn du möchtest, erzähle ich dir, warum ich mich entschieden habe, mich in Deutschland niederzulassen.“ Henri schenkte ihm ein Lächeln, das Ravins Zweifel zum Verstummen brachte. „Ich habe ein Lebensmotto seitdem ich hier bin, das mir sehr geholfen hat: Wenn man die ganze Zeit zurückblickt, verpasst man die Dinge, die vor einem liegen. Und meistens lohnt es sich, sie kennenzulernen.“

„Kann schon sein.“ Ravin lehnte sich zurück und genoss den lauen Sommerabend. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit fiel die unterschwellige Anspannung von ihm ab. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten fühlte er sich in Gegenwart eines anderen Wesens wohl.

Er lauschte dem Wind, der in den Wipfeln der Bäume rauschte und den Grillen, die ein abendliches Konzert anstimmten. Und obwohl die deutschen Wälder so anders als die feuchtwarmen Dschungel waren, genoss Ravin den leichten, würzigen Geruch der Bäume, den Duft wilder Blumen und die Ruhe, die in diesen Wäldern herrschte. Kein fernes Geschrei von Affenkolonien, kein beständiges Summen von Insekten und kein Knacken und Krachen im Unterholz. Der indische Dschungel war im Vergleich zu den deutschen Wäldern laut und intensiv, sinnesbetörend und erschlagend. Nicht, dass er ihn hasste, aber Ravin fand auch Gefallen an den stilleren, düsteren Wäldern, die eine gänzlich andere Atmosphäre ausatmeten.

Vielleicht hatte Henri recht. Vielleicht sollte er alles hinter sich lassen, sich auf die schönen Dinge konzentrieren und von vorne beginnen. Die Frage war nur, ob er das konnte. War er wirklich bereit, mit allem abzuschließen, was ihn knapp 80 Jahre lang begleitet hatte? Den Göttern den Rücken zu kehren kam ihm wie ein Verrat vor – an allem, was ihn ausmachte. Was wussten die hiesigen Menschen und Wesen schon von den Göttern, die ihm heilig waren? Von den Entbehrungen, die er auf sich genommen hatte, um ihren Segen zu erhalten und sich als Wertiger zu beweisen. Nur um an der wichtigsten und schwersten Prüfung zu scheitern …

„Hör auf einen alten Mann.“ Henri stieß ein leises Lachen aus und ließ die Schultern kreisen. „Ich habe genug erlebt, um voll und ganz hinter diesem Lebensmotto zu stehen – blicke in die Zukunft, ohne deine Vergangenheit zu vergessen.“

„Deine Weisheit in allen Ehren, aber diese Möglichkeit habe ich nicht!“, entgegnete Ravin barscher als beabsichtigt. „Ich habe der Göttin Durga einen Schwur geleistet und …“ Er verstummte und vergrub das Gesicht in den Händen. All die Ruhe, die er noch vor einem Moment verspürt hatte, war dahin. Warum konnte er nicht den Mund halten?

Weil es dich kaputt macht, Ravin. Wieder Amitas feine Stimme, die nur er hören konnte. Schon immer war sie sein Gewissen gewesen. Du musst darüber reden und es aussprechen. Viel zu lange schleppst du diese Sache mit dir herum.

„… und du hast diesen Schwur gebrochen …“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.

„Woher …?“

„Wenn man so lange lebt wie ich, lernt man Menschen und Wesen kennen und weiß, was in ihnen vor sich geht.“

Sag es ihm … du kannst ihm vertrauen.

Nur kurz zögerte Ravin, dann entschied er sich, Amita zu vertrauen und auszusprechen, was ihn so lange belastet hatte: „In Indien gibt es nicht so viele Wertiger, wie du vielleicht glaubst. Da wir Einzelgänger sind und keine Gemeinschaften oder Rudel bilden, ist eine dauerhafte Verbindung oder gar Heirat zwischen Wertigern sehr selten. Du kannst dir denken, dass es kaum Nachkommen gibt, zumal nicht alle Jungen und Mädchen das heilige Ritual vollziehen, um ihr Leben der Göttin Durga zu widmen.“

Du musst mehr ins Detail gehen, sagte Amita. Er kennt die Geschichte unseres Landes nicht.

„Du musst wissen, dass die Wertiger schon immer der Göttin Durga verpflichtet waren – als Reittiere und Beschützer. Sie beten wir an, ihr widmen wir unser ganzes Leben. Wenn sich ein Junge oder ein Mädchen für den Weg des Tigers entscheidet und erstmals die Bindung zu seinem Schutzgeist aufbaut, sich in einen Tiger verwandelt, dann verpflichten sie sich, Durga zu dienen. Die jährlichen Feste und Rituale, die unzähligen Regeln – unser ganzes Sein ist danach ausgerichtet.“ Ravin stieß ein Seufzen aus. Er erinnerte sich an die strahlenden Feste, die vielen Rituale, die er durchlaufen musste, seit er sich mit Amita verbunden hatte. Nur das letzte, heiligste Ritual hatte er nicht vollziehen können – die Bindung an eine Frau, um der Göttin neue Kinder zu schenken … „Es ist ein harter Weg voller Entbehrungen …“, fuhr er stockend fort und rieb sich fröstelnd die Arme. „Viele Jugendliche entscheiden sich daher gegen den Weg des Tigers und bleiben gewöhnliche Menschen.“

„Das habe ich nicht gewusst.“ Henri schob sich etwas näher, strich mit der Hand über seine Schulter. Obwohl er ein Vampir war, strahlte die blasse Haut Wärme aus und beruhigte seine aufgewühlten Gedanken. Allein diese Berührung genügte Ravin, um mit seiner Erzählung fortzufahren.

„Zu den wichtigsten und heiligsten Pflichten eines Wertigers gehört die Ehe mit einer geeigneten Frau, um Nachkommen zu zeugen und so die Blutlinie der Wertiger fortsetzen. Liebe spielt dabei keine Rolle – es sind zumeist arrangierte Ehen. Dieses Vorgehen wird auch vom Hohen Rat Indiens unterstützt, da man alles daran setzt, den Fortbestand der Wertiger zu sichern … Sie sind stark und mächtig, einige sehr alte Wertiger gelten sogar als heilig.“ Er schluckte gegen den Kloß an, der sich in seinem Hals festsetzte und ballte die Fäuste. „Auch ich sollte mich an eine Frau binden, die heiligen Rituale durchführen und …“ Er brach ab, unfähig auszusprechen, was ihm auf der Zunge lag. Die Worte hatten zu viel von dem aufgewühlt, das er bisher tief in sich verborgen hatte. Es schmerzte wie eine frisch aufgeplatzte Wunde, nahm ihm den Atem.

„Aber du konntest nicht …“, murmelte Henri, als die Stille überhandnahm. „Falls es dich beruhigt, ich könnte auch nicht auf Kommando mit einer Frau schlafen. Im Grunde kann ich mit einem weiblichen Körper gar nichts anfangen. Mein Interesse gilt ausschließlich Männern.“

Ravin stieß ein Lachen aus, das ihm in den Ohren wehtat. Es klang verbittert und hilflos, kam tief aus seinem Inneren und legte einen Teil seiner Seele bloß. Er schloss die Augen, um Henris Blicken auszuweichen und sammelte sich. Es gab kein Zurück mehr … er musste die Worte aussprechen, die ihm so schwer auf der Seele lasteten: „Ich kann mit keinem Körper etwas anfangen … weder mit einem männlichen noch mit einem weiblichen. Sie sind gleichermaßen uninteressant für mich. Allein der Gedanke …“

Ungewollt schauderte er, gleichzeitig spürte er, wie befreiend es war, dieses intime Detail seiner Selbst zu offenbaren. Wie gut es tat, dieses Geheimnis laut auszusprechen und sich von der Last zu befreien, die ihn so lange begleitet hatte. Es war ihm egal, wie Henri darauf reagieren würde, ob er ihn für seltsam oder kaputt hielt … diese Last nicht mehr zu spüren, ließ ihn freier atmen.

Ich bin stolz auf dich, flüsterte ihm Amita ins Ohr. Es war höchste Zeit …

„Das kam jetzt unerwartet …“, sagte Henri. In seiner Stimme schwang weder Abscheu noch Zorn mit, sondern Verständnis und Neugier. Er klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter. „Wenn ich ehrlich bin, erklärt das vieles. Das ist jetzt nicht wertend gemeint … ich bin der Letzte, der damit ein Problem hat. Wenn es Menschen und Wesen gibt, die geradezu süchtig nach Sex sind, warum sollte es dann nicht auch solche geben, die keinerlei Interesse danach verspüren.“ Er hob die Achseln und wickelte eine Haarsträhne um seinen Finger. „Es gibt so viele Spielarten der Liebe. Niemand hat das Recht einen anderen für das zu verurteilen, was er ist und wie es um seine oder ihre Gefühle bestellt ist.“

„Aber deswegen wurde ich verbannt.“ Ravin hatte nicht mit so viel Verständnis gerechnet. Henri reagierte anders als all die Mitglieder seiner Familie – offen und verständnisvoll. Warum war ihm plötzlich ein europäischer Vampir näher als jeder indische Wertiger?

„Dann haben wir etwas gemeinsam … Meine Familie hat mich aus unserem Landsitz verjagt, als sie mich mit einem jungen Mann erwischten – in flagranti.“

„Tatsächlich?“, hakte Ravin nach. Allmählich erwachte sein Interesse an Henri. Sie schienen mehr Gemeinsamkeiten zu haben, als er gedacht hatte.

„Ich will lieber nicht zu sehr ins Detail gehen, aber wir boten einen Anblick, den man nicht missverstehen konnte.“ Er grinste und für einen Moment blitzten seine blauen Augen in der aufziehenden Dunkelheit auf, obwohl sich Ravin sicher war, dass Henri sich nicht mit Claudine verbunden hatte.

„Kehrst du deswegen nicht nach Frankreich zurück?“

„Unter anderem. Für diese Entscheidung gab es viele Gründe … wenn wir nicht gerade im Wald sitzen und auf einen Werwolf aufpassen müssten, würde ich dir gerne mehr erzählen …“

Apropos Werwolf, mischte sich Amita ein. Du solltest wissen, dass er …

‚Nicht jetzt, Amita‘, fuhr Ravin gedanklich dazwischen. Als hätte er nicht mitbekommen, dass ihr Gefangener schon längst nicht mehr bewusstlos war. Aber das kümmerte ihn nicht. Er konzentrierte sich auf Henri, der ihn mit viel zu vielen Worten zu einem Glas Rotwein einlud. Zum ersten Mal wirkte der eloquente, selbstbewusste Vampir verunsichert. Vielleicht war ihm bewusst geworden, wie viel er selbst offenbart hatte und wie sehr es sie fortan aneinander band …

„Eine Einladung also …“

Ravin zögerte. Ging das alles nicht zu schnell? Wenn man bedachte, dass sie zum ersten Mal ernstlich miteinander sprachen, hatten sie sich nicht zu weit aus der Deckung gewagt? Zu viele intime Details preisgegeben, ohne einander wirklich zu kennen?

Henri schien zu spüren, dass er zu weit gegangen war. „Keine Sorge, Ravin. Ich habe keinerlei Hintergedanken. Ich will dir keinesfalls zu nahe treten. Ich dachte nur, wir können uns besser kennenlernen … und Freunde werden.“

Bitte zieh dich nicht zurück, Ravin. Selten hatte Amita so flehend geklungen. Sie kniete sich an seine Seite, die Hände im Schoß verschränkt. In ihrem Gesicht stand ein Ausdruck, den Ravin nie zuvor gesehen hatte. Du hast einen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Bitte verschanze dich nicht wieder hinter deiner selbsterrichteten Mauer aus Schweigen und Einsamkeit. Ihr seid auf einem guten Weg, das spüre ich. Ihr könntet Freunde werden … und du weißt, dass du dringend jemanden brauchst, mit dem du reden kannst.

‚Woher willst du das wissen?‘

Weil ich dich kenne … viel besser als du dich selbst kennst. Ich bin deine innere Stimme, dein Instinkt und dein Gewissen. Und ich weiß, dass du jemanden brauchst.

‚Ich brauche keinen Partner …‘

Amita schüttelte den Kopf. Vielleicht nicht auf körperlicher Ebene, aber auf geistiger und seelischer. Es ist nicht so, dass du vollkommen gefühllos bist … auch du brauchst Nähe, Aufmerksamkeit und vielleicht sogar Liebe …

„Entschuldige … ich bin zu weit gegangen“, sagte Henri plötzlich und rückte von ihm ab. Die Wärme, die der Vampir verströmt hatte, verschwand. Die Kühle der Nacht bescherte Ravin eine Gänsehaut.

„Das bist du nicht“, erwiderte Ravin, bevor er sich erneut in seinem Gedankenkarussell verfing. Vielleicht war es an der Zeit, spontaner zu werden, auf Amita zu vertrauen und einen winzigen Schritt auf Henri zugehen. Er hatte lang genug wie ein Einsiedler gelebt und sich selbst Vorwürfe gemacht … „Ich würde mich freuen, dich besser kennenzulernen, Henri.“

„Sehr schön … wie wäre es …“

Vorsicht, Ravin!

Mit einem warnenden Knurren sprang plötzlich der Werwolf auf die Pfoten. Er schnappte nach Henris Hand, ohne den Vampir zu erwischen, fuhr herum und verschwand wie ein grauer Blitz zwischen den Bäumen.

„Verdammt …“, fluchte Henri. Dem Vampir schien es tatsächlich entgangen zu sein, dass der Werwolf schon seit einer Weile wach war. Im nächsten Moment änderte sich die Aura, die ihn umgab, wurde greifbarer und beeindruckender. Henri war unbestreitbar imposant und mächtig, wenn er mit seinem Schutzengel verbunden war.

„Ich kümmere mich darum.“ Ravin löste den Knoten des Dhoti und nickte Amita zu. Sofort glitt sie in ihn, füllte ihn mit ihrer Präsenz aus. Die Wandlung in einen Tiger verlief noch schneller als zuvor – Ravin spürte die Veränderung seines Körpers kaum, da war nur leise Vorfreude auf die Jagd durch den Wald und das immense Glücksgefühl wieder in seiner Tigerform zu sein.

Du hast meine Warnungen absichtlich ignoriert, erklang Amitas teils anklagende, teils amüsierte Stimme in seinem Kopf. Du wusstest, dass er die ganze Zeit wach war.

‚Kann sein …‘ Ravin stieß ein gemäßigtes Brüllen aus und streckte sich, um seine Sehnen und Muskeln zu fühlen. Er hatte gehofft, dass der Werwolf einen Fluchtversuch unternahm, um noch einmal diese Form anzunehmen. ‚Dieses Mal lasse ich mir mehr Zeit …‘

Davon bin ich ausgegangen …

Henri trat an seine Seite und strich ihm behutsam über den Kopf. Unwillkürlich rieb Ravin seinen Schädel an der schlanken, warmen Hand, genoss die Nähe des Vampirs. „Du wusstest, dass er nicht mehr bewusstlos ist, nicht wahr? Ich ahne, warum du mich nicht gewarnt hast …“ Da war kein Vorwurf in der Stimme, nur Wärme und Vertrauen. „Zu deinem Glück hat er mich nicht erwischt, ansonsten wäre meine Einladung zum Rotwein hinfällig. Im Gegenzug halte ich mich zurück und überlasse dir die Jagd. Wehe er entkommt dir!“

‚Das wird er nicht …‘, dachte Ravin und stieß ein leises Grollen aus. Er strich an Henris Bein entlang als Zeichen, dass er verstanden hatte.

Schnappen wir ihn uns, Ravin! Immerhin hat er einen Freund angegriffen, hallten Amitas Worte direkt in seinem Inneren wider.

Ravin widersprach nicht. Stattdessen spannte er die Muskeln an, bereit den Werwolf zu verfolgen und seinem neuen Freund zu beweisen, dass er sich auf ihn verlassen konnte. Jetzt und in Zukunft …

~ Ende ~

2 thoughts on “[KURZGESCHICHTE] Ein neuer Freund”

  1. Hallo!
    Die Kurzgeschichte war mir zu kurz. Da sie mir sehr gefiel, wäre es schön, wenn du eine längere daraus machen würdest. Auch gefiel mir die Art u Weise, wie die Wandler u andere Wesen mit ihrem Schutzengel verbunden sind. Da ich deine Nachtschattenreihe nicht kenne, ist mir dies so nicht bekannt. Diese Welt finde ich faszinierend. Habe mir soeben dein Gesamtwerk als Leseprobe heruntergeladen u wenn es mir gefällt, lese ich es.
    Normalerweise lese ich nur Gayromane. Bilde mir aber ein, auch da schon was von dir gelesen zu haben. ‍♀️ Einen schönen Sonntag noch.

    1. Hallo Ursula,
      endlich komme ich zum Antworten – vielen, vielen Dank für deinen Kommentar zu meiner Kurzgeschichte 🙂 Ich freue mich sehr, dass sie dir gefallen hat und du soga der Gesamtausgabe eine Chance gibst. Das Main-Pairing ist zwar hetero, aber der 3. Hauptcharakter ist quasi schwul und auch sonst hab ich viele queere Charaktere dabei 🙂 Wenn du es lesen würdest, wäre das genial-

      Es freut mich auch, dass dir die Welt gefällt und das Schutzengelkonzept – das bekomme ich öfters gesagt, dass das ziemlich neu ist und in der Form nicht umgesetzt wurde (zum Glück ;)). Ich schau mal, was die Muse macht – wenn ich eine Idee für ein ganzes Buch habe, wird es auf jeden all mehr von Herni und Ravin geben. Reizen würde es mich schon, insbesondere Ravin als asexuellen Mann.

      Es kann sein, dass du Kurzgeschichten von mir gelesen hast- ich hab die Anthologien “Like a Dreams” und “Like a (bad) Dream” herausgegeben – in einigen anderen Gay Anthologien findest du auch Geschichten von mir. Vielleicht kennst du mich daher.

      Wünsche dir ein schönes Wochenende.

      Viele rüße,
      Juliane

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